Milas Traum
"Das ist der besondere Gast des Premierministers", erklärte Mila mit Nachdruck. Im Robert Louis Stevenson Museum machte sich Aufregung breit. Die jungen Männer verbeugten sich, eine Frau rannte weg, um den Chef zu holen und die anderen staunten mit großen Augen. Ich stieß Mila freundlich in die Seite und er grinste wie ich. Er kannte schließlich den Beginn dieser verrückten Geschichte…
Nachdem uns der Deputy Prime Minister von Samoa verkuppelt hatte, also die Reportage über meinen Besuch von Samoa arrangiert hatte, übernahm Mila die Führung. Er war Redakteur beim "SBC", der "Samoa Broadcasting Corporation". Von Beginn an war eine besondere Verbindung zwischen uns. Kein Wunder in dieser eigenartigen Situation. Der Deputy Prime Minister hatte uns einen Wagen mit Fahrer organisiert und bevor wir zu unserer Tour über die Insel starteten, wollte Mila mir seinen TV-
Sender zeigen. Also landete ich - schwupps – im Gebäude des TV von Samoa. Mila führte mich durch die Räume, stellte mich stolz seinen Kollegen vor und plötzlich fand ich mich in einer Fachsimpelei mit der Chefredakteurin. Eben genau das, was ich mir am Morgen vorgestellt hatte: Kaffee mit Kollegen im TV-Studio auf Samoa.
Eine große Gruppe TV-Leute und offizielle Personen, vom Prime Minister mitgeschickt, begleiteten uns anschließend auf unserer Tour. Ich erfuhr, dass die Samoaner ihrem Land den Namen "The cradle of Polynesia - die Wiege von Polynesien" gegeben hatten. Viele der 162.000 Einwohner haben deutsche Vorfahren, war doch West-Samoa zwischen 1899 und 1914 eine Kolonie des deutschen Kaiserreiches. Viele Namen der Samoaner klingen deshalb heute noch wie deutsche. Anders als der Name meines neuen Freundes Mila, der schon wieder leise witzige Kommentare in mein Ohr flüsterte, während er die Offiziellen mit ernstem Blick anschaute. Der war lustig und wir ergänzten uns perfekt in der Disziplin: "Wer kann sich am besten das Lachen verkneifen".
Unterwegs zeigt er mir die Überbleibsel aus der deutschen Zeit. Die Menschen auf Samoa mögen die Deutschen, was dem ehemaligen Gouverneur Wilhelm Solf zu verdanken ist. Er hatte in dem Inselstaat Schulen und Straßen bauen lassen, wovon noch einige existieren. Außerdem hat er zum Wohlstand der Insulaner beigetragen, weil er die Landrechte schützen ließ. Jeder Landbesitzer verpflichtete sich dazu, jährlich 50 Kokospalmen zu pflanzen. Noch heute stellen Kokosprodukte den größten Teil des Exportvolumens von Samoa.
Als ich Mila zu seiner Meinung über den Deputy Prime Minister frage, verdunkelt sich sein Gesicht und die Fröhlichkeit verfliegt. Was er mir erzählt ist "offline", was bedeutet, nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Im Marco Polo - Reiseführer über die Südsee lese ich, dass das Gesellschaftssystem sehr traditionell ist und von alten Sitten und Gebräuchen bestimmt wird. Die Häuptlinge, die Matais, kontrollieren streng das Dorfleben. Bei den Parlamentswahlen 1991 wurde ein allgemeines Wahlrecht zugelassen, aber die Macht der Matais, auch politischer Art, ist offensichtlich immer noch sehr präsent.
Eine eigenartige Sache sind auch die Faáfafine, die Transvestiten, die erzogen werden, um die Frauen bei der Hausarbeit zu unterstützen. Überhaupt sehe ich hier viele Männer, die sich sehr weiblich bewegen und in ihrer Stimme und ihrer Art feminine Züge haben.
Mila zeigt mir mehr von der Hauptinsl Samoas - Upolu. Hier leben 120.000 Menschen, gibt es im Osten und Süden schöne Strände und in der Nähe der Hauptstadt Apia, wo die "MS Amadea" an der Pier liegt, das berühmte Robert Louis Stevenson Museum.
Dort spielten sich, wie überall und wie oben beschrieben, diese Szenen voll Ehrerbietung und Bewunderung ab. Noch nie in meinem Leben hatten sich an einem Tag so viele Menschen vor mir verbeugt. Als Special Guest vom Deputy Premierminister gab ich Autogramme, durfte Hände schütteln und alles wurde von dem Kameras vom TV auf Samoa gefilmt. Immer im Scheinwerferlicht.
Wie gesagt: "Lächeln und Winken." Die Queen machte es auch nicht anders. Ohne den ganzen Promi-Zauber hätte ich das Stevenson-Museum noch mehr genießen können. Es war ein fantastischer Platz. In dem Haus am Fuß des Mount Vaea hatte der Autor von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" und der "Schatzinsel" fünf Jahre gelebt bis er 1894 im Alter von 44 Jahren an einem Gehirnschlag gestorben war. Das Haus liegt inmitten einer idyllischen Landschaft, hat große Fenster und diesen besonderen Hauch der
Inspiration. Ein leichter Wind weht durch die großzügigen Räume und von der großen Terrasse aus hat man einen malerischen Blick auf das Meer. Wie kann ich Stevenson verstehen - dieses Haus animiert zum Schreiben. Am liebsten würde ich mich an seinen Schreibtisch setzten und meinen ersten Bestseller verfassen. Ein Buch, das in diesen Räumen entstand, musste ein Erfolg werden.
Aber mich riefen die offiziellen Verpflichtungen: TV-Interview auf der Terrasse. Inzwischen war ein Bus mit Touristen angekommen, die alle warten mussten, bis ich das Haus verlassen hatte. In der Wartezeit schauten sie neugierig nach oben, um welchen Prominenten so viel Tamtam gemacht wurde. Vielleicht ein berühmter Showstar? Ein Staatsbesuch? Prinzessin hätte ich ihnen vorschlagen wollen. Dabei war es nur die Anja aus Deutschland.
Auf dem Weg nach Apia zurück fuhren wir an den Denkmälern für 150 amerikanische, britische und deutsche Marinesoldaten vorbei, die während eines Zyklons im Jahr 1889 auf ihren Schiffen ertranken. Zyklone und Taifune zerstören regelmäßig auf Samoa Siedlungen, Strände und Plantagen. Als ich Mila nach der Hilfe aus den westlichen Ländern frage, antwortet er nicht und ich kann nur wage ahnen, welchen Weg die Gelder auf Samoa nehmen.
Mila zeigt mir noch das Parlamentsgebäude, wo die 52 Abgeordneten sitzen, bevor wir uns einen ruhigen Platz im berühmten "Aggie Grey´s Hotel" suchen. Wir nehmen uns einen Tisch zu zweit und platzieren unsere Begleiter ein Stück von uns entfernt. Das Hotel, das die legendäre Aggie (starb 91-Jährig im Jahr 1988) in ihrer lebensfrohen und temperamentvollen Art geführt hatte, wird nun von den Nachkommen bewirtschaftet.
Mila und ich sind froh, dass wir nun ungestört reden können. Die besondere Verbindung zwischen uns hatte sich während der Rundfahrt mehr und mehr aufgebaut. Wir hatten einen gemeinsamen Humor und ich mochte den Mann mit den weichen Zügen. Ich fragte ihn, ob er schon sein ganzes Leben auf Samoa wohnte und in seinen Augen sah ich bei der Antwort plötzlich so viel Schmerz, dass ich instinktiv seine Hand nahm. Ein ganzes Leben in diesem kleinen Inselstaat, mit einem Fünftel Einwohner wie in meiner Heimatstadt… "Willst du nicht mal raus?", fragte ich ihn und brauchte die Antwort nicht zu hören. Gerade als Journalist hatte man es schwer in einem kleinen Gebiet, besonders bei den erwähnten Machtverhältnissen. "Wohin würdest du gehen, wenn du verschwinden könntest?", wollte ich wissen. Tränen traten in seine Augen, als er überzeugt von Frankreich erzählte. Was ihn hier hielt? "Angst!"
Plötzlich wusste ich, warum ich nach Samoa gekommen war und was diese ganze abstrakte Konstellation mit dem Premierminister und der TV-Reportage sollte. Ich erklärte ihm, dass ich ganz sicher nur hier wäre, um ihm den nötigen Impuls zu geben, endlich das Leben zu leben, was er eigentlich wollte. Mila weinte. Ich erzählte ihm von meinen Erfahrungen und wie wichtig es war, sich nicht halbherzig mit Dingen zufrieden zu geben, die einen nicht wirklich erfüllten. Veränderungen erforderten immer Mut und - Aktion. Mila war neben dem Journalisten auch Lehrer. Die Finanzen waren das eine, da würde ich versuchen, ihm zu helfen. Das Überwinden der eigenen Angst war viel wichtiger. Samoa kannte er, aber "da draußen" gab es doch noch so viel mehr…
Die Verabschiedung war herzzerreißend. Ich spürte, dass Mila meine Hand am liebsten nicht mehr losgelassen hätte. Aber die nächsten Entscheidungen musste er allein treffen. Danach konnte ich ihm vielleicht helfen. Wenn er es wirklich wollte.
Durch die Begegnung mit Mila hatte mein Besuch auf Samoa einen ganz anderen Nachklang als man aufgrund der verrückten Erlebnisse mit dem Premierminister, als VIP oder im Fernsehstudio hätte denken können. Diese Menschen waren das, warum man Weltreisen machen sollte. Überlegt mal, alles passierte an einem Tag und wir waren insgesamt 132 Tage unterwegs. Intensiver kann man das Leben nicht leben.
Mila. I like you, too.
