Traurig
Jegliches Herumrennen, schnelles Arbeiten, fertig werden – es ist nicht möglich, einen gewisse Traurigkeit zu kompensieren. Sie sitzt unter der Haut, ziemlich weit oben. Ein kleiner Anlass genügt und sie strahlt von der kleinen Stelle auf den ganzen Menschen aus. Sie erfüllt den Körper, sie lässt den Geist auf einer tiefen Frequenz schwingen und hüllt die Aura ein. Ein Hauch Schwermut bleibt selbst dann, wenn sie wieder verdrängt wurde. Doch diese Traurigkeit hat es in sich. Sie ist nicht zu besiegen. Eine ewig lodernde Flamme, die vom kleinsten Anlass entfacht wird. Ein Lied, ein Film, ein Foto, ein Geruch, ein Name. Wie kann diese Flamme so hartnäckig sein. Habe es versucht mit vielen Löschmitteln. Arbeit war früher immer die beste. Funktioniert nicht mehr. Zumindest nicht durchgängig. Das tägliche Leben wird zu einem Kampf. Ein Kampf ums Vergessen, ein Kampf gegen diese Traurigkeit. Wut macht sich breit. Über die Unfähigkeit in Flammenlöschdingen, über die verlorene Freude, die verlorene Leichtigkeit. Jedes kleine Glück wird sofort umlodert von diesen züngelnden Flammen der Traurigkeit. Jedes Lächeln treibt die Tränen der Trauer in die Augen. Jedes Lachen wird zum Schluchzen. Jeder Gedanke an eine freie Zukunft ohne diese Erinnerungen, ohne diese Traurigkeit wird mit einem engen Gürtel um den Körper weggequetscht. Es sind sanfte, aber schwere Qualen. Ein freies Atmen ist nicht möglich. Jeder Atemzug wird zum Seufzer, jedes freundliche Wort anderer rührt zu Tränen, führt zum Weinen. Weichei. Der Panzer wächst nicht mehr. Die Schale bleibt zerbrochen. Jedes Stückchen Rekonstruktion des alten Schutzes gegen das da draußen, gegen die Welt, gegen diese Menschen, gegen Worte und Bilder von früher, Bilder, immer diese Bilder… Jedes Stückchen Rekonstruktion des alten Schutzes schmilzt schon im Anfangsstadium weg wie Eis in der Sonne. Der Schutzpanzer wird schnell durchsichtig. Dann dünner und dann ist er weg. Keine Chance, ihn zu halten. Keine Chance, sich zu wehren gegen diese Traurigkeit, gegen diese Halteseile in der Vergangenheit. Kein Messer gefunden, sie durch zu trennen. Alle Messer in meiner Umgebung sind einfach zu weich, zu schwach, zu verrostet. Unnütz. Sinnlos. Warum versuche ich es nur immer wieder? Vielleicht sollte man sich einfach der Traurigkeit hingeben. Spielt doch keine Rolle. Wen interessiert es? Wer interessiert sich denn für etwas anderes, als für sich selbst? Fehlendes Mitleid wird durch Selbstmitleid ersetzt und fließt zusammen mit der Traurigkeit. Ergänzt sich prima. Vermehrt sich schnell. Wird mehr und mehr, tobt, brodelt, entwickelt Strudel. Starke Strudel. Strudel ins Unendliche. Strudel ins Nichts. Strudel in die Leere. Strudel in die ewige Nacht. Tiefer, schneller, alles mitreißend – alles was noch einen Hauch Leben hat, alles was noch einen Hauch Farbe hatte. Alles schwarz. Endlich. Ruhig. Aber schwarz. Tiefes Schwarz. Schwarz.
